Nach Einbruch der Dunkelheit steht der Pluto im Tierkreissternbild Widder, östlich des Schützen, eigentlich noch gut sichtbar am Abendhimmel – um ihn zu sehen, ist aber ein größeres Teleskop notwendig. Denn der Pluto ist nicht nur etwa 35mal weiter entfernt von der Sonne als die Erde, er ist mit einem Durchmesser von 2.377 Kilometern auch um einiges kleiner als der Erdmond, der immerhin 3,474 Kilometer misst.
Dass der Pluto so klein ist, war allerdings zum Zeitpunkt seiner Entdeckung im Jahr 1930 noch nicht klar. Und so stand schnell fest: Der Amerikaner Clyde Tombaugh hatte am Lowell Observatory in Arizona nach langer Suche den neunten Planeten des Sonnensystems gefunden.
Diese Klassifizierung änderte sich vor fast genau 20 Jahren, exakt am 24. August 2006. Die Organisation, die über Benennungen und Klassifikationen von Objekten des Sonnensystems entscheiden kann, ist die Internationale Astronomische Union (IAU). Die Generalversammlung der IAU, die größte astronomische Tagung der Welt, findet alle drei Jahre statt. 2006 war es wieder so weit, und der Tagungsort war Prag.
Neben Symposien zu zahlreichen astronomischen Themen standen, wie auf jeder Generalversammlung, auch Abstimmungen auf dem Programm. Gewöhnlich sind sie technischer Natur und nicht kontrovers, und können zum Beispiel kleine Veränderungen an astronomischen Koordinatensystemen betreffen. 2006 versprach es aber interessanter zu werden, denn es sollte über die Definition des Begriffs „Planet“ entschieden werden. Anlass war, dass in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Objekten im äußeren Sonnensystem entdeckt worden waren, die nicht viel kleiner als Pluto waren – und 2003 sogar eines, das ebenso groß und sogar massereicher war. Sollten auch diese Objekte Planeten sein – oder sollte Pluto – wie einige Astronomen schon seit Jahren gefordert hatten – zum Kleinplaneten werden?
Nach einer ungewöhnlich kontroversen Diskussion wurde mit großer Mehrheit eine Definition beschlossen, die auf einen Vorschlag zweier Astronomen aus Uruguay zurückging: Danach ist ein Planet ein Himmelkörper, der die Sonne umkreist und (weitgehend) rund ist, Eigenschaften, die beide unstrittig ist. Er muss aber auch die Nachbarschaft um seine Bahn herum „freigeräumt“ haben, also in seiner Umgebung das dominierende Objekt sein.
Und genau das ist der kleine Pluto nicht – seine Bahn wird vom viel größeren Neptun dominiert, ebenso wie die Bahnen von mehr als 1.000 weiteren, kleinen Objekten, die alle – wie Pluto – zweimal um Sonne kreisen, wenn Neptun das dreimal tut. Für Pluto und einige weitere ähnliche runde Himmelskörper, darunter auch das „Eris“ genannte 2003 entdeckte Objekt, wurde die neue Kategorie „Zwergplanet“ eingeführt. Diese Entscheidung, die sich nun zum 20. Mal jährt, spiegelt unser besseres Verständnis der Struktur des Sonnensystems wider und heißt nicht, dass Pluto „degradiert“ wurde oder weniger interessant geworden ist.
Erstaunlich ist, dass der Beschluss auch nach 20 Jahren immer wieder diskutiert und in Frage gestellt wird, so kürzlich aus Anlass des „Jubiläums“ von NASA-Chef Jarad Isaacman, dem es offenbar um die nationale Ehre geht: Schließlich war der Pluto der einzige von einem US-Amerikaner entdeckte Planet.
Ein weiteres „Argument“ ist, der Pluto sei mit seinem ikonischen herzförmigen Gletscher, der zu Ehren des Pluto-Entdeckers „Tombaugh Regio“ genannt wird, der „Planet der Herzen“.
Ernsthafter diskutieren kann man, dass Pluto wie ein Planet ein sehr komplexes Objekt ist. So ist das „Herz“ ein mehr als 1.500 Kilometer großer Gletscher aus überwiegend gefrorenem Stickstoff, dessen Oberfläche Anzeichen von geologischer Aktivität zeigt. Begrenzt wird das Herz von den Hillary Montes und den Tenzing Montes, mehr als 3.000 Meter hohen Bergen aus Wassereis. Sogar eine extrem dünne Atmosphäre konnte von der Raumsonde „New Horizons“, die 2015 am Pluto vorbeiflog, nachgewiesen werden. Und der Pluto wird von 5 Monden begleitet, darunter einem, Charon, der halb so groß wie der Pluto selbst ist. Monde haben allerdings auch viele Asteroiden, und eine interessante Oberfläche ist ebenfalls nicht auf Planeten begrenzt.
So geschieht dem Zwergplaneten Pluto kein Unrecht – das Jubiläum könnte aber ein Anlass sein, sich mit diesem faszinierenden Mitglied unseres Sonnensystem wieder einmal zu beschäftigen.